Das Problem anpacken, wo es entsteht

• Abfallsysteme müssen für Schwellenländer finanzierbar sein. • 77 Millionen Tonnen Kunststoffmüll wurden 2018 falsch entsorgt • Bevölkerungswachstum erhöht den Bedarf an Kunststoffen

Düsseldorf, 18. Oktober 2019 – Der größte Teil der riesigen Plastikteppiche auf den Ozeanen stammt aus Ländern, die keine oder nur schlecht funktionierende Abfallsysteme haben. Viele dieser Länder befinden sich in Asien. Will man verhindern, dass Müll ins Meer gelangt, muss man dort etwas tun. Der österreichische Kunststoffhersteller Borealis hat deshalb mit seinem Partner SYSTEMIQ 2017 die Initiative STOP ins Leben gerufen, die zur Müllvermeidung den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft zum Ziel hat. „Der meiste Müll stammt aus Ländern, die weniger wohlhabend sind als wir. Wir müssen ihnen deshalb helfen, Systeme zu entwickeln, die auch finanzierbar sind“, begründete Borealis-CEO Alfred Stern am Freitag im VDMA-Pavillon auf der K das Engagement seines Unternehmens. Am dritten Messetag stand beim VDMA das Thema der weltweiten Kreislaufwirtschaft im Vordergrund.

STOP unterstützt in Indonesien die 30.000-Einwohner-Stadt Muncar in Ost-Java bei der Lösung ihres Abfallproblems. „Wir haben gemeinsam mit der Kommune ein Sammelsystem entwickelt. Noch wichtiger war es uns zu verhindern, dass überhaupt Kunststoffmüll in die Umwelt kommt“, sagte Stern. Die ersten Erfahrungen sind so gut, dass die Initiative ausgeweitet wird. 2020 sollen zwei weitere Kommunen unterstützt werden. Längerfristig kann sich Stern vorstellen, auch in anderen Ländern tätig zu werden. Mittlerweile haben sich der Initiative auch weitere Firmen angeschlossen, darunter der Nahrungsmittelkonzern Nestlé. Ein funktionierendes Sammelsystem, der Einstieg in die Kreislaufwirtschaft, die auch finanzielle Erträge generiert und Vorteile für die jeweilige Kommune sind nach Stern die drei Ziele, die bei jedem neuen Projekt im Vordergrund stehen.

Wie dringend das Müllproblem ist, veranschaulichen auch aktuelle Zahlen des auf technische Branchen spezialisierten Beratungsunternehmens Conversio. Danach fielen 2018 insgesamt 250 Millionen Tonnen Post-Consumer-Abfälle an, von denen 173 Millionen Tonnen gesammelt und entweder verbrannt, deponiert oder recycelt wurden. Der Rest, 77 Millionen Tonnen, wurden unangemessen entsorgt, sprich zumeist weggeschmissen. „Angesichts dieser Mengen ist ein funktionierendes Abfallmanagement auf globaler Ebene zwingend nötig“, sagte Conversio-Geschäftsführer Christoph Lindner im VDMA-Pavillon. Erst recht, wenn man bedenkt, dass die Menge an produziertem Kunststoff nach Ansicht vieler Experten weiter zunehmen wird. „Die Weltbevölkerung wächst, auch der Wohlstand, die Menschen wollen ein besseres Leben, da spielt Kunststoff eine Schlüsselrolle“, sagte Stern von Borealis.

 

Bewusstsein für Müllproblematik wächst

Das Problem ist inzwischen überall in der Kunststoffindustrie erkannt. Die Zahl entsprechender Initiativen und Projekte nimmt zu. Zuletzt wurde im Mai die PREVENT Waste Alliance gegründet. „Wir setzen uns für eine Reduzierung des Abfalls und eine Steigerung des Einsatzes von Rezyklaten in neuen Produkten ein“, sagte Nicole Bendsen von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Die GIZ ist Gründungsmitglied und führt auch das Sekretariat der Initiative. Das Interesse aus Wirtschaft, Wissenschaft, privaten und staatlichen Institutionen sei so groß, dass aus den anfangs gut 30 Mitgliedsorganisationen inzwischen schon mehr als 70 geworden seien. Ab dem nächsten Jahr will PREVENT seine Ziele in konkreten Projekten in Schwellen- und Entwicklungsländern umsetzen.

 

China sagt Müllproblem den Kampf an

Kein Land der Welt erzeugt mehr Kunststoff und mehr Kunststoffabfall als China. Die Zentralregierung hat das Müllproblem erkannt und steuert mit zahlreichen Programmen gegen. Eines ist das 11+5-Programm. In elf Städten und fünf Regionen in unterschiedlichen Entwicklungsstufen und verschiedenen industriellen Strukturen werden zwei Jahre lang unterschiedliche Methoden des Müll-Managements getestet. Die Ergebnisse sollen Ende März 2021 vorliegen. „Wir wollen auf diese Weise herausfinden, welches das beste Modell ist. Das wird dann auf das ganze Land übertragen“, sagte Ben Ho von der China Thermoforming Association. Das Projekt wird von einer eigens dafür gegründeten Abteilung des Umweltministeriums geführt und überwacht. „Die chinesischen Kunststoffmaschinenbauer begrüßten das Vorgehen, das bringt uns viele Möglichkeiten“, sagte Ho.  

 

Kinder stellen Fragen im VDMA-Pavillon

Wie wird Plastik gemacht? Welche Rohstoffe braucht man dafür? Sollte Plastik abgeschafft werden? Warum schickt man Plastikmüll in andere Länder? Was ist schlecht an Plastik? Kann man an Plastik sterben? Am Freitagnachmittag hatte der VDMA auch 13 Kinder der vierten Klasse einer Grundschule aus dem baden-württembergischen Dauchingen zu Gast, die sich mit ihrer Lehrerin gut auf die Begegnung mit den Experten aus der Kunststoffwelt vorbereitet hatten. Aber auch Gerhard Böhm, Geschäftsführer des Spritzgießmaschinenbauers Arburg und Thorsten Kühmann, Geschäftsführer des VDMA-Fachverbands Kunststoff- und Gummimaschinen, hatten sich gut vorbereitet und konnten den Kindern sachkundig Rede und Antwort stehen.

 

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