Wir wollen etwas gegen den Müll auf den Meeren unternehmen

Bureo

Teil 17 unserer Interviewserie zur Circular Economy: Im Gespräch mit David Stover, Mitgründer und COO von Bureo

Bureo ist ein US-amerikanisches Unternehmen, das aus alten Fischernetzen neue Produkte wie Skateboards macht.  Wie kamen Sie als Start-up auf Fischernetze?

David Stover: Wenn man sich das Kunststoffproblem insgesamt ansieht, machen Fischernetze aus Kunststoff je nach Schätzung zwischen 10 und 40 Prozent der Meeresverschmutzung durch Altkunststoffe aus. Das ist ein bedeutender Anteil für gerade einmal eine einige Art von Müll. Wir bei Bureo wollen etwas gegen den Müll auf den Meeren unternehmen und haben uns deshalb die Fischernetze ausgesucht. Bislang gibt es kaum irgendwo eine Überlegung, was mit den nicht mehr brauchbaren Netzen zu tun ist. Wir betrachten Fischernetze als eine der schädlichsten Formen von Kunststoffmüll für die maritime Umwelt.

 

Wie sammelt Bureo an die ausgedienten Fischernetze ein?

Stover: Wir sind mit unserer Firma in Chile tätig. Dort haben wir damit angefangen, in den Häfen große Recycling-Eimer aufzustellen. So eine Art Mülleimer, wo die Fischer ihre alten Netze loswerden konnten. Das funktioniert in einigen Stellen, dort wo es gut gemanagt wird. Aber die Situation ist von Hafen zu Hafen und von Fischereibetrieb zu Fischereibetrieb verschieden. Dann haben wir erkannt, dass es besser ist, statt passiv abzuwarten, bis sich die Mülleimer füllen, aktiv an die Fischereien heranzugehen. Wir bekommen heute von den Fischereien die Information, wann welche Netze alt sind und ausgemustert werden.

 

Bezahlt Bureo dafür?

Stover: Ja, denn der finanzielle Anreiz hat zur Folge, dass die Fischer die alten Netze nicht als Abfall betrachten, sondern als Geschäftsmöglichkeit. Wir bezahlen die Fischer, sammeln die Netze ein, recyceln sie und bringen sie zurück in die Produktion.  

 

Macht Ihr Beispiel auch anderswo Schule?

Stover: Wir expandieren in Chile und drüber hinaus. Wir sprechen jetzt mit Fischereien auch im Norden und Süden des Landes  und angrenzenden Ländern. Wir sind gerade dabei, auch ein Projekt in Peru aufzusetzen und verhandeln darüber hinaus mit den zuständigen Stellen in Argentinien und Equador. Die Volumina, die wir sammeln und verarbeiten, werden zwar immer größer. Aber unser Radius bleibt damit doch eher lokal. Wenn man sich die Menge an Altnetzen ansieht, die wir im Jahr recyceln, wird klar, dass wir sicherlich noch keinen großen Einfluss auf das große Problem der Kunststoffvermüllung haben. Aber wir zeigen eine Möglichkeit, die Art und Weise zu verändern, wie Fischer mit Netzen umgehen.

 

Wie kann man das Problem denn weltweit angehen?

Stover: Weil die Vermüllung durch alte Fischernetze ein weltweites Problem ist,  sind wir in Kontakt zu Gruppen, die das Problem auch global angehen wollen. Wir sind zum Beispiel Gründungsmitglied von GGGI, also der Global Ghost Gear Initiative. In dieser Arbeitsgruppe suchen alle Parteien, die mit dem Thema zu tun haben, nach Lösungsmöglichkeiten, die überall angewendet werden können.  Ein ganz wichtiger Punkt für uns ist darüber hinaus die Aufklärung. Wir zeigen den Fischern und Fischereien, dass es Wege gibt, die Verschmutzung zu vermeiden.

 

Wie gehen denn die USA mit dem Problem des Kunststoffmülls um?

Stover: Nach meiner Beobachtung sind wir dort sicher hinter der EU. In einigen Orten und Regionen, etwa in New York City oder Kalifornien, gibt es eine Reihe großartiger Initiativen. In Kalifornien wird es bald ein Gesetz geben, dass es Herstellern von Kunststoff und Kunststoffprodukten vorschreibt, auch in Recycling zu investieren. Auf lokaler Ebene sind schon vielfach Verbote von Einweg-Produkten ausgesprochen worden. Es gibt also vereinzelte gute Initiativen, aber als Land haben die USA ein Problem, mit ihrem eigenen Müll vernünftig umzugehen.  Wir haben uns sehr lange Zeit darauf verlassen, dass wir unseren Kunststoffmüll einfach exportieren können.  Derzeit ist Recycling in den USA noch sehr ineffizient. Selbst von dem Müll, der gesammelt wird, geht nur ein Teil ins Recycling, weil der andere Teil gar nicht recycelt werden kann. Die Infrastruktur und sicher auch die technischen Möglichkeiten sind unzureichend.  Grundsätzlich werden wir die Art und Weise, wie wir Material benutzen, verarbeiten und recyceln, verändern müssen und zwar weltweit.

 

Brauchte es eine politische Vorgaben, um das Recycling ins Rollen zu bringen, so wie in der EU?

Stover: Das wäre sicherlich gut, aber in der gegenwärtigen politischen Situation in den USA ist das sehr unwahrscheinlich. Wir sind zwar überzeugt, dass Verbraucher auf Unternehmen Druck ausüben können, ihre Produkte besser zu designen und mehr nachhaltige Produkte herzustellen. Aber das funktioniert nur bis zu einem bestimmten Punkt. Verbraucher wollen nicht auf ihre Bequemlichkeit verzichten, sie wollen alles zum möglichst günstigsten Preis und die Unternehmen, die solche Produkte herstellen, wollen vom Kunststoff nicht weg, weil er für sie günstig ist. Also braucht man wirklich Regulierung durch die Politik, auch auf kommunaler Ebene. Man muss die Unternehmen dadurch beeinflussen und sie auch bestrafen, wenn sie die Vorschriften nicht beachten. Gerade die multinationalen Konzerne haben sich der Verantwortung bislang oft entzogen.

 

Aber viele dieser Firmen haben sich anspruchsvolle Nachhaltigkeitsziele gesetzt.

Stover:  Es stimmt schon, dass von außen Druck auf diese Unternehmen ausgeübt wird. Niemand kann schließlich die Bilder der vermüllten Meere verstecken und unsere Müllkrise verbergen. Diese Unternehmen haben jetzt Initiativen gestartet, sie geben sich Ziele für die nächsten Jahre. Das ist ein guter Anfang, aber man muss den Druck halten. Bei genauem Hinsehen sind die Initiativen und Vorhaben dieser Unternehmen verglichen mit ihrer Größe doch recht klein. Manche sind ambitioniert, aber bei vielen macht das alles nicht viel aus. Ich denke, man muss die Geschwindigkeit und den Umfang deutlich erhöhen. Die Kunststoffindustrie produziert von Jahr zu Jahr mehr Kunststoff. Wenn wir tatsächlich so viel recyceltes Material einsetzen würden, wie alle versprechen, würde man einen Rückgang der Produktion von Neuware sehen.

 

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