"Es gibt gar keine Alternative zu Rezyklaten"

AZO GmbH + CO. KG

Teil 10 unserer Interviewserie zur Circular Economy: Interview mit Karl-Heinz Bußbach, Global Business Director AZO CHEM/POLY

In der EU-Kunststoffstrategie kommt dem Recycling eine wichtige Rolle zu. Spüren Sie schon, ob das bei Ihren Kunden ankommt?

Karl-Heinz Bußbach: Wir sehen schon seit Jahren eine kontinuierliche quantitative Zunahme an Investitionen aus dem Recycling-Bereich. Im Unterschied zu früher werden bei diesen Projekten komplexere, technisch aufwändigere Anlagen eingesetzt, um eine bestmögliche Aufarbeitung bei der Wiederverwertung von Reststoffen sicherzustellen. Wurden früher eher minderwertige, einfache Endprodukte aus den rezyklierten Rohstoffen hergestellt, geht es heute darum, mit den Rezyklaten möglichst nah an die Qualitätsstandards von Neuware zu kommen.

 

Als Spezialist für Rohstoffhandling zählen alle Glieder der Wertschöpfungskette Kunststoff zu ihren Kunden. Ist die Zahl der Recycling-Kunden gestiegen?

Bußbach: Früher war der Recycling-Bereich für uns eine Sonderbranche in einem niedrigen Preissegment. Heute ist er ein eigenständiger Bereich geworden. Die Anlagen, die für den Einsatz im Recycling nötig sind, brauchen zum Teil höherwertige technische Ausführungen, als die Anlagen, die für Neuware eingesetzt werden. Für AZO ist das ein Geschäftsfeld mit guter Wachstumsperspektive.

 

Würden Sie sagen, dass die Kreislaufwirtschaft insgesamt wirtschaftliche Vorteile bringt?

Bußbach: Die wirtschaftlichen Vorteile sind zunächst einmal abhängig vom Preis im Vergleich mit dem von Neuware. Dieser ist zumindest indirekt vom Ölpreis abhängig, und der schwankt bekanntlich. Es ist daher schwierig, mit Rezyklaten immer konkurrenzfähig zur Neuware zu sein, auch weil die Herstellprozesse komplizierter werden. Man muss außerdem auch an die zu rezyklierenden Produkte herankommen, man braucht Systeme zum Einsammeln. Und jeder, der an diesem Prozess beteiligt ist, will auch noch Geld daran verdienen.

Der eigentliche Punkt ist ein anderer: Fast alle Global Player in diesem Bereich haben das Thema Nachhaltigkeit in ihrer Firmenstrategie verankert. Noch stärker ist das bei den Konsumgüterherstellern, deren Produkte verpackt werden müssen. Jeder dieser Konzerne setzt auf nachhaltige Lösungen aus dem Bereich Recycling. Da ist etwas in Gang gekommen, das vor allem durch die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit getrieben wird. Daraus folgt: Es wird in Zukunft immer wichtiger für die unterschiedlichsten Anwendungen, hochwertige Produkte aus Rezyklat herstellen zu können, um die Anforderungen der Verarbeiter zu erfüllen.

 

Es wird viel mit Bio-Kunststoffen experimentiert. Können sie ein Rohstoff der Zukunft sein?

Bußbach: Man ist heute schon in der Lage, viele Polymere durch einen biobasierten Kunststoff zu ersetzen. Da wird sehr viel geforscht. Vieles funktioniert schon. Für PLA gibt es zum Beispiel schon große Produktionsanlagen. In der Regel ist der Bio-Compound aber immer noch teurer als der erdölbasierte Kunststoff. Dennoch wird er in Zukunft eine Rolle spielen. Wegen des Trends zur Nachhaltigkeit und der letztlich endlichen Erdölreserven und dadurch steigenden Preise kann man es sich schlicht nicht leisten, darauf zu verzichten. Außerdem gibt es hier schon viele Produkte, welche nicht nur biobasiert, sondern auch kompostierbar sind.

 

Drückt das schlechte Image den Verbrauch von Kunststoff?

Bußbach: Die Menge an Kunststoff wird eher steigen, ob biobasiert oder nicht. Die Plastiktüte, einige andere Verpackungslösungen und bestimmte Anwendungen, welche sich ersetzen lassen, werden zurückgehen, aber zum Beispiel Leichtbau wird dafür in der Zukunft viel wichtiger werden. Man denke nur an E-Mobility. Die kann ohne Kunststoff gar nicht realisiert werden. Trotz des vergleichsweise kleinen Teils von Verpackungsmüll in der EU ist durch Bilder von den verschmutzten Weltmeeren gerade bei uns in Europa ein riesiger Imageschaden entstanden. Die positiven Dinge, die Anwendungen aus dem Bereich Kunststoff für uns täglich leisten, werden in der Öffentlichkeit gar nicht mehr wahrgenommen. Die heutige Medizin würde ohne Kunststoff gar nicht funktionieren. Man stelle sich einmal ein Krankenhaus und die Hygiene dort ohne Kunststoff vor.

 

Inwieweit sollte die Politik die Kreislaufwirtschaft regeln?

Bußbach: In Europa funktioniert sie schon sehr gut. Grundsätzlich sollte man immer mit politischen Verboten, zusätzlichen Steuern, Subventionen und Vorschriften zurückhaltend sein. Dadurch entstehen Effekte, die sich nur schwer vorhersagen und kontrollieren lassen. Aus meiner Sicht ist das Verhalten der Verbraucher der wichtigste Faktor, allein dadurch entwickelt sich die Sache in die richtige Richtung. Darüber hinaus sind Forschungsmittel von EU, Bund und Ländern wichtige Faktoren. Es gibt schon viele Projekte, es wird an neuen Herstellungsverfahren, neuen Werkstoffen, neuen Recyclingprodukten geforscht. Vieles wird auch von Global Playern getrieben. Deshalb finde ich, dass man keine Verbote braucht. Bei PVC-Fenstern gibt es schon einen geschlossenen Kreislauf, der ohne Vorschriften funktioniert. Dort gibt es zum Beispiel seit Langem eine Selbstverpflichtung von Herstellern, welche auch durch das damals vorhandene schlechte Image des PVC eingeleitet wurde.

 

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der Kreislaufwirtschaft?

Bußbach: Sie ist von entscheidender Bedeutung. Wenn man zum Beispiel mit biobasierten oder rezyklierten Rohstoffen arbeitet, hat man schwankende Rohstoffqualitäten. Man muss die Schwankungen früh genug erkennen und gegensteuern. Da spielt die Vernetzung der Anlage innerhalb des Herstellungsprozesses eine Rolle. Was nützt es, wenn man mit der Materialversorgung smart ist, aber der Extruder, der das Produkt verarbeitet, nichts davon mitbekommt. Es sollten daher alle beteiligten Anlagen mit smarter Sensorik und Datenauswertung ausgestattet und miteinander vernetzt sein, um eine gleichbleibend hohe Qualität im Endprodukt sicherzustellen.

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