„Recycling hat in der Kunststoffindustrie früh begonnen“

motan

Je besser das recycelte Material, desto größer sind die Einsatzchancen

Interviewserie „Kreislaufwirtschaft“

Kunststoffe sind überall im Einsatz. Als Rohölprodukt sind sie wertvoll, denn sie bestehen aus endlichen natürlichen Ressourcen. Aber das Potenzial von Kunststoffen wird bei Weitem noch nicht voll ausgeschöpft. Das soll und muss sich ändern. Die EU-Kommission hat in ihrem Aktionsplan Kreislaufwirtschaft Kunststoffe als einen von fünf Schwerpunktbereichen definiert. Der Plan ist ein Bekenntnis zur Vorbereitung einer Strategie, die die Herausforderungen von Kunststoff über die gesamte Wertschöpfungskette und den gesamten Lebensweg hinweg angehen will.

Die im VDMA-Fachverband Kunststoff- und Gummimaschinen organisierten Unternehmen der Kunststoffindustrie gehen diesen Weg mit. Mit ihrem Bekenntnis zur Nachhaltigkeitsinitiative Blue Competence stehen sie für verantwortliches und vorausschauendes Denken und Handeln. Sie erarbeiten heute schon Konzepte, wie sie sich in die Kreislaufwirtschaft einbringen können. Aus Anlass der Kunststoffverarbeitungsmesse „Fakuma“, die vom 17. bis 21. Oktober in Friedrichshafen stattfindet, lässt der VDMA sieben dieser Unternehmen in einer Interviewreihe zu Wort kommen.

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Interview mit Peter Breuer, Group Trainings- und Innovation-Management bei motan holding GmbH

Frage: Inwieweit betrifft motan die Kreislaufwirtschaft?

Peter Breuer: Wir arbeiten in dem Bereich, wo das Rohmaterial beim Kunden ankommt und für die Verarbeitung vorbereitet wird. Wir haben eine Bindegliedfunktion zwischen dem Hersteller des Materials und dem Verwender. Meistens kommt der Kunststoff als Granulat direkt vom Hersteller aus der Chemiefabrik oder einem Compoundierer. Seit einigen Jahren aber auch von Recyclingunternehmen. Wir haben also direkte Berührung mit der Kreislaufwirtschaft, da wir die recycelten Materialien handhaben. Sind diese sehr gut aufbereitet, unterscheiden sie sich von Neuware nur wenig. Es gibt aber auch Fälle, da hat das recycelte Material für uns schlechte Eigenschaften. Darauf müssen wir dann reagieren und unsere Geräte und Anlagen so anpassen, dass das Material gehandhabt werden kann.

Wieso hinkt die Kunststoffindustrie in puncto Recycling anderen Materialien wie Papier oder Glas hinterher?

Breuer: In der Öffentlichkeit denkt man oft, dass das Recycling ausschließlich aus Stoffströmen der Abfallwirtschaft kommt. Das stimmt so nicht. Recycling hat in der Kunststoffverarbeitung viel früher eingesetzt. Es fing damit an, dass man den Anguss sofort wieder gemahlen und der Neuware zugesetzt hat. Quasi ohne jede Qualitätseinschränkung. Damals hat für mich das Recycling von Kunststoffen schon angefangen, als produktionsnaher interner Kreislauf beim Verarbeiter. Seit Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger Jahre beheizte Angusssysteme eingeführt wurden, wurden diese Produktionsabfälle aber drastisch reduziert.

Später kam dann Material aus externen Stoffströmen hinzu. Also Material, das als Produkt schon einmal genutzt wurde. Mit der Verbreitung der PET-Flasche hat diese erweiterte, weitgehend sortenreine Kreislaufwirtschaft quantitativ stark zugenommen. In der jüngeren Vergangenheit kommen nun noch Materialien aus gemischten Strömen hinzu. Die Kunststoffindustrie ist also schon lange im Recycling-Prozess, aber sie hat dies nie öffentlich besonders hervorgehoben. Das war sicher ein Fehler. Diese Zurückhaltung und eine etwas zögerliche Entwicklung der letztgenannten Kreisläufe haben nämlich dazu beigetragen, dass das Image von Kunststoff heute nicht besonders gut ist und seinen Vorteilen als Werkstoff nicht gerecht wird.

PET-Flaschen sind gut zu recyceln. Seit einigen Jahren werden aber vermehrt auch andere Kunststoffe recycelt. Wie gut ist diese Ware?

Breuer: Bei kritischen Materialien gibt es häufig große Qualitätsunterschiede. Das Spektrum reicht von guter Aufbereitung und damit einer Neuware sehr ähnlichen Eigenschaften bis hin zu einem Zustand, in dem man es schlicht nicht verarbeiten kann. Es liegt nicht am fehlenden Willen der Industrie, dass heute noch gut die Hälfte der Post-Consumer-Kunststoffabfälle verbrannt wird. Es gibt einfach auch technische Grenzen bei der Zuführung und Verarbeitung. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich der Rezyklat-Anteil auch bei kritischen Materialien noch signifikant steigern lässt. Generell gilt aber: Je besser das recycelte Material, desto größer sind die Einsatzchancen.

Die EU-Kommission will die Kreislaufwirtschaft bei Kunststoffen voranbringen. Was halten Sie davon?

Breuer: Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Einflussnahme aus Brüssel. Derzeit weiß noch niemand, wo es hingeht. Möglicherweise werden in Zukunft Quoten festgelegt, zu denen Kunststoff in die Kreislaufwirtschaft eingebracht werden muss. Wenn das kommt, hat es das zur Folge, dass bestimmte Märkte künstlich wachsen - eben die mit dem quotierten Material. Andere Märkte dagegen weniger, unabhängig davon, ob dies technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist oder nicht. Damit ist aber niemandem geholfen.

Sinnvoller wäre für mich, zunächst für den gesamten EU-Wirtschaftsraum einheitliche Sammelstandards zu schaffen, meinethalben auch mit festen Sammelquoten. Für das eingesammelte Material sind dann definierte Aufbereitungsstandards festzulegen, sowie lokale Aufbereitungsquoten, um ein entsprechendes Recycling-Material-Angebot zu initiieren. Exporte sollten hierbei ausgeschlossen sein. Aufgrund der heute schon erreichbaren guten Qualität von Rezyklaten dürfte sich dann der Rest nach den Gesetzten der Marktwirtschaft ergeben. Es würde qualitativ hochwertiges Material zu einem wirtschaftlichen Preis zur Verfügung stehen, was wiederum die Produktdesigner und Verarbeiter zum Einsatz animieren dürfte.

Würde eine Quote das Image des Kunststoffes verbessern helfen?

Breuer: Hier bin ich eher skeptisch. Selbst wenn eine plakative Quote zu einem Image-Gewinn führt, werden am Ende Produkteigenschaften, Wirtschaftlichkeit und die technischen Möglichkeiten für das Gesamtbild ausschlaggebend sein. Es sollte aber auf jeden Fall das Interesse der gesamten Kunststoffindustrie sein, das Image des Werkstoffs zu verbessern. Jeder in der Wertschöpfungskette kann etwas dazu beitragen.

Wir bei motan sind eigentlich gar nicht direkt betroffen, wir stellen den Kunststoff nicht her und wir verarbeiten ihn nicht. Wir sind also eher in einer Zuschauerrolle. Dennoch ist es auch in unserem Interesse, dass das Image von Kunststoff besser wird, und wir tun unseren Teil dazu. Wir verbessern unsere Anlagen kontinuierlich, damit möglichst effizient mit Kunststoff umgegangen wird und auch nicht einfach zu handhabende Recycling-Materialien automatisiert verarbeitet werden können.

Kann Industrie 4.0 die Kreislaufwirtschaft fördern?

Breuer: Industrie 4.0, also eine durchgehende Digitalisierung und Vernetzung der Produktion, kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Das Gelingen der Kreislaufwirtschaft steht und fällt mit der Transparenz zu wissen, was genau in ein Produkt eingeflossen ist und wohin dieses Produkt weitergegeben wurde. Industrie 4.0 kann helfen, genau diese notwendige Transparenz herzustellen. Wenn man zum Beispiel bei einem neu produzierten technischen Teil dokumentiert, was genau in ihm enthalten ist und dieses Wissen etwa über eine Teilkennung und ein Langzeitarchiv an den späteren Recycler weitergibt, erhält dieser wertvolle Informationen für die Trennung und Sortierung. Oder auch beim Material selbst. Wenn wir Daten darüber bekommen, welches Material, aktuell angeliefert oder zugeführt wird, können wir Plausibilitätsprüfungen durchführen, QM-Freigaben unterstützen oder unsere Geräte automatisiert einstellen. Hier kann man noch sehr viel automatisieren und verbessern.

Bildunterschriften:
Bild 1: Peter Breuer
Bild 2: Rezyklat-Dosier- und Mischgerät

Link:
motan-colortronic.com