„Die Kreislaufwirtschaft ist eine Riesenchance“

Engel

Ausgediente Kunststoffe werden zunehmend als Wertstoffe betrachtet.

Interviewserie „Kreislaufwirtschaft“

Kunststoffe sind überall im Einsatz. Als Rohölprodukt sind sie wertvoll, denn sie bestehen aus endlichen natürlichen Ressourcen. Aber das Potenzial von Kunststoffen wird bei Weitem noch nicht voll ausgeschöpft. Das soll und muss sich ändern. Die EU-Kommission hat in ihrem Aktionsplan Kreislaufwirtschaft Kunststoffe als einen von fünf Schwerpunktbereichen definiert. Der Plan ist ein Bekenntnis zur Vorbereitung einer Strategie, die die Herausforderungen von Kunststoff über die gesamte Wertschöpfungskette und den gesamten Lebensweg hinweg angehen will.

Die im VDMA-Fachverband Kunststoff- und Gummimaschinen organisierten Unternehmen der Kunststoffindustrie gehen diesen Weg mit. Mit ihrem Bekenntnis zur Nachhaltigkeitsinitiative Blue Competence stehen sie für verantwortliches und vorausschauendes Denken und Handeln. Sie erarbeiten heute schon Konzepte, wie sie sich in die Kreislaufwirtschaft einbringen können. Aus Anlass der Kunststoffverarbeitungsmesse „Fakuma“, die vom 17. bis 21. Oktober in Friedrichshafen stattfindet, lässt der VDMA sieben dieser Unternehmen in einer Interviewreihe zu Wort kommen.

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Interview mit Dr. Stefan Engleder, CEO von Engel Austria

Welche Rolle spielt die Kreislaufwirtschaft bei dem Ziel, das Kunststoff-Image zu verbessern?
Dr. Stefan Engleder: Die Kreislaufwirtschaft ist eine Riesenchance. Ausgediente Kunststoffprodukte sind nicht länger Abfälle, sondern Wertstoffe. Plastikmüll wird zu einer sehr begehrten Ressource. Ich denke dabei immer an ein Foto, das einen Mann in Asien auf einem Dreirad zeigt. Auf der Ladefläche türmen sich leere PET-Flaschen, Kanister und weitere Kunststoffverpackungen in gigantischem Ausmaß. Mit diesen vermeintlichen Abfällen bestreitet der Mann seinen Lebensunterhalt. Er hat längst erkannt, dass sie bares Geld wert sind.

Und was bedeutet sie für einen Spritzgießmaschinenhersteller wie Engel?
Dr. Engleder: Wir betrachten das Thema Kreislaufwirtschaft aus verschiedenen Blickwinkeln. Als Systemlöser entwickeln wir gemeinsam mit unseren Kunden und Partnern auch komplexe Fertigungsprozesse und neue Verarbeitungstechnologien. Immer häufiger werden hierbei Prozesse mitgedacht, die die Wertstoffkreisläufe schließen. Ein Beispiel ist der Composite-Leichtbau, der nicht nur einen Beitrag zur Ressourcenschonung leistet. Durch den verstärkten Einsatz von Thermoplasten ist es vielmehr unser Ziel, das Recycling von Composite-Bauteilen zu ermöglichen beziehungsweise zu vereinfachen. Einen weiteren wichtigen Beitrag leisten wir mit der zunehmenden Intelligenz unserer Spritzgießmaschinen. Neue Assistenzsysteme machen es möglich, Schwankungen im Rohmaterial automatisch zu erkennen und auszugleichen. Dies ebnet dem breiteren Einsatz von Rezyklaten in der Spritzgießverarbeitung den Weg.

Ist es denkbar, eines Tages mehrheitlich Rezyklate in der Produktion von Spritzgussteilen einzusetzen?
Dr. Engleder: Das Bewusstsein, dass ausgediente Kunststoffprodukte kein Abfall, sondern ein Wertstoff sind, steigt insgesamt an. Einige große, namhafte Player unserer Branche setzen schon lange und konsequent Rezyklate ein und sind mit ihrem Erfolg ein Vorbild für viele weitere Betriebe. Allerdings gilt es, noch ein paar Herausforderungen zu lösen, bis Rezyklate eines Tages vielleicht wirklich mehrheitlich verarbeitet werden. Sich selbst optimierende Spritzgießmaschinen sind hier nur ein Baustein. Auch für die Aufbereitung der Materialien werden neue, noch effizientere Verfahren benötigt. Hinzu kommt das Thema Versorgungssicherheit. Wer auf Rezyklate setzt, muss sicherstellen, dass ihm diese auch langfristig in ausreichender Menge und zu einem kalkulierbaren Preis zur Verfügung stehen.

Rezyklate sind preisgünstiger als Neuware. Ist das nicht genug Kalkulationssicherheit?
Dr. Engleder: Grundsätzlich ist der Anteil von Rezyklat immer auch abhängig vom Preis des Neumaterials und damit vom Ölpreis. Je teurer das Neumaterial ist, desto mehr wird rezykliert. Entsprechend erhöhen die steigenden Ölpreise die Attraktivität von Recycling-Materialien, was wiederum zu einer Verknappung und damit Preissteigerung führen kann. Ein weiteres Thema ist das innerbetriebliche Recycling, das viele unserer Kunden vorbildlich betreiben. In der Mehrzahl der Betriebe werden Angüsse bereits zerkleinert und zu einem großen Teil direkt wieder verarbeitet.

Welche Konsequenzen erwarten Sie aus der neuen EU-Roadmap zu Kunststoffen für Ihr Geschäft?
Dr. Engleder: Die Roadmap trägt zur weiteren Bewusstseinsbildung bei und wird damit den Trend zum Einsatz rezyklierter Materialien stärken. Damit geht einher, dass die Verarbeiter beim Einsatz von Rezyklat immer höhere Anforderungen an die Produktionseffizienz und die Produktqualität stellen, was wiederum neue Entwicklungen in diesem Bereich beschleunigen wird. Als Maschinenbauer und Systemlöser sind wir herausgefordert, sowohl die Stabilität der Verarbeitungsprozesse als auch die Flexibilität der Maschinen und Anlagen noch weiter zu steigern.

Stehen sich Funktionsintegration und Kreislaufwirtschaft unvereinbar gegenüber? Die Effizienz, die durch erstere gewonnen wird, geht beim aufwändigen Recycling wieder verloren.
Dr. Engleder: Funktionsintegration und Umweltbewusstsein schließen sich nicht aus. Es kommt aber immer auf die Materialzusammensetzung an. Wenn Bauteile aus nur einer Kunststoffsorte gefertigt werden oder vielleicht aus einer Kunststoffsorte plus Faserverstärkung, dann ist ein stoffliches Recycling durchaus möglich. Werden aber zwei verschiedene Kunststoffe vermischt, weil man bestimmte Eigenschaften erzielen will, dann bleibt zumindest die thermische Verwertung, sprich das Verbrennen. Wenn man bedenkt, dass der überwiegende Teil des geförderten Erdöls unmittelbar verbrannt wird, so kann man das Kunststoffprodukt als eine effiziente Zwischenstufe sehen.

Welche Rolle spielt die Kreislaufwirtschaft im Zusammenhang mit Industrie 4.0?
Dr. Engleder: Industrie 4.0 ist in mehrfacher Hinsicht ein Enabler für geschlossene Wertstoffkreisläufe. Ein Beispiel habe ich ja genannt: Die zunehmende Intelligenz der Spritzgießmaschinen, die sich selbst optimierende Fertigung, die ein wesentliches Merkmal der smart factory ist. Insgesamt geht es bei Industrie 4.0 um die Vernetzung, das heißt den Informationsaustausch zwischen Maschinen und Produktionssystemen, Fertigungsstandorten, aber auch zwischen den Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette. Von den Materiallieferanten und Maschinen- und Anlagenbauern über die Verarbeiter bis zu den Konsumenten und noch weiter zu den Recyclern, die wieder Materialien liefern und damit die Kette schließen. Industrie 4.0 führt zu einer intensiveren Zusammenarbeit der Unternehmen entlang dieser Kette. Bei Neuentwicklungen können so von Beginn an alle Aspekte berücksichtigt werden. Genau das ist die Voraussetzung für noch effizientere und noch nachhaltigere Materialkreisläufe.

 

Bildunterschriften:
Bild 1: In seinem Technologiezentrum für Leichtbau-Composites in St. Valentin, Österreich, arbeitet ENGEL verstärkt auch an thermoplastbasierten Lösungen. Diese haben den Vorteil, dass sich die Produkte am Ende ihres Lebenszyklus leichter recyclen lassen.
Bild 2: Dr. Stefan Engleder, Geschäftsführer von Engel Austria

Link:
engelglobal.com 

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